JUGENDHILFE ST. ELISABETH
24. Oktober 2019
"Mit 65 Personen machten wir uns auf den Weg"

DON BOSCO JUGENDWERK BAMBERG

Unser Jakobsweg: von Dürrenmettstetten nach Weil am Rhein
 

INFOS

EINRICHTUNG
Don Bosco Jugendwerk Bamberg

TEILNEHMERKREIS
40 Kinder und Jugendliche von 14 – 21 Jahren
17 Gruppenmitarbeiterinnen und- mitarbeiter
8 Orgateam

DATUM
29.07. bis 06.08.2020

LAND
Deutschland

STRECKE
Dürrenmettstetten - Lossburg - Wolfach - Oberprechtal - Waldkirch Buchholz - Böllschweil - Sulzburg - Rheinweiler - Weil am Rhein

KILOMETER
180 KM

FORTBEWEGUNGSART
zu Fuß

 

UNSER CREDO

Auf dem Weg haben wir gelebt, gelacht, geliebt, geweint, vertraut, verloren und vermisst, aber am meisten haben wir gelernt.
 
 
 

UNSERE ERFAHRUNG

Ein Erfahrungsbericht von Peter Gutjahr
Pilgern nach Santiago

„Hallo, mein Name ist Peter, ich bin 27 Jahre alt und ich komme aus Berlin.“
In der Begrüßungsrunde kurz vor der Abfahrt nach Dürrenmettstetten war die Aufregung unter den Betreuern, Pädagogen und Organisatoren deutlich zu spüren: Unter dem Aspekt der erlebnispädagogischen Erfahrungen hat das DON BOSCO Jugendwerk Bamberg ein großes Angebot auf die Beine gestellt:

„Pilgern nach Santiago!“ – Neun Tage pilgern, mit 65 Personen, neun vollbeladenen Transportern, mit über 50 Zelten sowie einem detaillierten Hygienekonzept zur Verhinderung der Ausbreitung von COVID-19.
„Ist das überhaupt zu schaffen, mit so vielen?“ „Wie komme ich mit den anderen Betreuern zurecht?“, „Werde ich zur Ruhe kommen?“, „Habe ich alles dabei?“ – Egal, einfach mal machen, Abfahrt!

Auf insgesamt 180 Kilometern, den Jakobsweg entlang, von Dürrenmettstetten über Freiburg bis Weil am Rhein, bei bis zu 38 Grad Hitze, Platz- und Dauerregen gab es für alle Teilnehmenden ein übergeordnetes Ziel: Gemeinsam ankommen!

Ein Ziel, das zunächst ambitioniert und anstrengend klingt; und das war es auch:
Das Erleben ist ein wichtiges Phänomen des menschlichen Alltags. Viel zu selten nehmen wir uns die Zeit, um uns einige Vorgänge des Alltags bewusst zu machen oder sie zu reflektieren. Tagtäglich stehen wir auf, durchlaufen vom Zähneputzen und Frühstücken hin zum Arbeitsweg und wieder zurück immer wieder das gleiche Schemata. Erleben bedeutet, Geschichten zu kreieren, Erfahrungen zu sammeln, Höhen und Tiefen zu durchlaufen und die Freude am Leben am eigenen und anderen Leib zu spüren:

Nächtigen in Zelten, am Sportplatz, in der Turnhalle, in den Bergen, in Gemeindehäusern oder eben da, wo die Beine einen nicht mehr weitertragen können und der Geist nach Erholung ruft. Hier und da schlafen Teilnehmende auf dem Turnhallenboden, auf der Biergarnitur, im Bus oder eben gar nicht. Zum Wohl der Gemeinschaft war auch der Schlaf dem Ziel untergeordnet: Gemeinsam ankommen.

Laufen mit bis zu 600 Höhenmetern, bei bis zu 38°C, in strömendem Regen, mit zahlreichen Blasen und anderen Wunden. Dabei wurden 13 Packungen Blasenpflaster verbraucht und unzählige Worte zur Motivation und Durchhaltevermögen ausgesprochen. Zugleich wurden unvergessliche Momente geschaffen sowohl bei Sonnenaufgang als auch -untergang. Wir haben miteinander gesprochen, Altes verarbeitet, Trauer sowie Freude miteinander geteilt und zugleich haben wir neue Geschichten erzählt. Dabei entstand in den neun Tagen unter allen Teilnehmenden ein einzigartiges und wohltuendes Vertrauensverhältnis, was aus allem Erlebtem seinesgleichen sucht. Entlang der endlosen Weinreben und dem schönen Rheintal sowie dem Schwarzwaldgebirge, tauschten sich Erzieher, Studenten, ein Ingenieur, ein Polizist und Kinder untereinander über alle Themen der Welt aus und bereicherten somit das Leben der jeweiligen anderen. Gab es dabei Streits? Nein. Die Diskussionen, die hier und da entfacht sind, waren stets zielführender Natur und dienten, wie auch sonst, dem übergeordneten Ziel:

Gemeinsam ankommen.
Essen, Burger basteln, heiße Maultaschensuppe am regnerischen Tag schlürfen, unreife Weintrauben naschen, Brotzeit sowie Wasser packen und teilen. 65 Personen ernährten sich über neun Tage nicht nur provisorisch und ausreichend, sondern ausgewogen und außergewöhnlich. Dabei galten stets die Regeln: Keine Nudeln mit Pesto, keine Fertiggerichte und keine ungesunden Sattmacher. Dafür schnibbelten wir Gemüse, zupften Kräuter, servierten und aßen gemeinsam; Tag für Tag. Hier konnte jeder Teilnehmende seine Erfahrungen, Vorlieben und Kochkünste miteinfließen lassen. Gab es dabei Chaos? Ja. Und wie traurig wäre es doch, wenn es beim Zubereiten und Organisieren von Speisen keinen Chaos gibt? Steriles Hotelleben gab es hier nicht. Das Pilgern hat uns neue Gerichte und Handfertigkeiten beim Kochen gelehrt, wodurch das Speisen miteinander eine neue Art des Erlebens erreichte.
Lachen, bei Spieleabenden, am Lagerfeuer, beim Abwaschen, gemeinsam mit den Kindern und Erwachsenen. Erschöpft, aber zufrieden saßen wir zusammen am Lagerfeuer, spielten Werwolf, erzählten uns Witze und teilten die vielen Erfahrungen der letzten 15-30 Kilometer unserer Wanderung.

Weinen, in schwachen und starken Momenten, innerlich und äußerlich, aber nie allein und in jedem Moment richtig. Beim Pilgern sind wir alle an unsere Grenzen gestoßen. Das passiert im Leben häufiger; Beim Pilgern passiert dies jedoch mehrmals täglich. Das Bewusstsein wird geschärft und Grenzen scheinen stets überwindbar zu sein. Probleme des privaten Alltags wurden hier nebensächlich. In dieser Gemeinschaft schienen jedes Rätsel, jede Unsicherheit und Schwierigkeiten, früher oder später lösbar zu sein. Dafür haben sich alle Beteiligten dem übergeordneten Ziel untergeordnet: Gemeinsam ankommen. „Und, wir war es, als ihr angekommen seid?“ Die Ankunft in Weil am Rhein war geprägt von einem Gefühlswirrwarr. Unser Schlafplatz lag auf einem ungepflegtem Stück Rasen, hinter einem Vereinsheim, zwischen zwei wunderschönen Sportplätzen und einem großen Schwimmbad in fußläufiger Nähe. Das Betreten der Sportplätze wurde jedoch strengstens untersagt und symbolisch durch abgeschlossene Gitter in beide Richtungen untermauert. Das Schwimmbad hatte im Rahmen der Eindämmungsmaßnahmen geschlossen. Bei 38°C und völliger Erschöpfung sehnten sich die meisten Beteiligten nun nach ihrem eigenen Bett. Hierfür galt es allerdings noch eine Hürde zu nehmen:

Die Heimreise. Das Leben ist eine Spannung zwischen zwei Polen mit jeweiligen Höhen und Tiefen. Es hat uns auf dieser Pilgerreise viele Facetten des Möglichen gezeigt und Grenzerfahrungen beschert, die symbolisch als Werkzeug für weitere Erlebnisse dienen. Dafür bin ich mehr als dankbar. Die Don Bosco Pilgerreise 2020 stellte für alle Beteiligten ein nahezu unerreichbares Ziel dar. Vieles was zuvor als Unmöglich galt, wurde nicht einfach nur möglich gemacht, sondern es wurden darüber hinaus besondere Momente geschaffen. Die ganze Spannung der Pilgerreise war geprägt von Leidenschaft, Hingabe, Fürsorge, Nächstenliebe, Transparenz, Vertrauen sowie der Bereitschaft, tagtäglich friedliche Werte aufrechtzuerhalten und zu verbreiten. Auf geht´s: Pilgern nach Santiago und irgendwann werden wir gemeinsam ankommen.
 
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